VORTRÄGE | LESUNGEN | MICHAEL LÜDERS im GESPRÄCH | MEDIENBEITRÄGE
– in Vorbereitung –
Michael Lüders liest aus seinem neuen Buch »Tages des Zorns. Die arabische Revolution verändert die Welt«
28. September 2011 in München
10. Oktober 2011 in Ravensburg
17. Oktober 2011 in Braunschweig
18. Oktober in Herford
Uhrzeit und Ort entnehmen Sie bitte der Tagespresse. Weitere Lesungen in Vorbereitung.
Michael Lüders in »Gesprächszeit« (Nordwestradio), 17. Dezember 2011
Im Gespräch mit Nordwestradio-Moderatorin Katrin Krämer erläutert er seine Sichtweise auf die Chancen – und Risiken –, die die derzeitigen Entwicklungen mit sich bringen, und er blickt zurück auf den 17. Dezember 2010, den Tag, an dem sich ein tunesischer Gemüsehändler aus Verzweiflung selbst verbrannte und damit die Welle der Revolution auslöste. (externer Link)
Auf dem »Blauen Sofa« der Frankfurter Buchmesse 2011:
Michael Lüders spricht über sein neues Buch »Tage des Zorns. Die arabische Revolution verändert die Welt« (externer Link zur ZDF- Mediathek)
Freiheit statt Terrorismus
10 Jahre nach den Terroranschlägen des 11. September ist die arabische Welt im Aufbruch. Eine neue Ära zeichnet sich ab, die nicht von Terrorismus und Gewalt handelt, sondern von Demokratie und Menschenrechten.
Wie konnte es zu diesem Wandel kommen? Welche Zukunft hat Al-Qaida nach der Tötung Osama bin Ladens? Wie beständig ist die arabische Revolution? Führt sie zur Freiheit oder ins Chaos?
Fragen, denen der Autor und Islamwissenschaftler Michael Lüders in einer Sendung vom 11. September 2011 (SWR 2) nachgeht. Hören Sie nach oder lesen Sie das Manuskript der Sendung.
Libyen im Übergang
Ralph Erdenberger im Gespräch mit Michael Lüders am 24. August 2011, WDR 5 Redezeit
Syriens ungewisse Zukunft. Gespräch mit Michael Lüders vom 16. Juni 2011 in SWR contra Nachgefragt; Audio Stream auf der Site vom SWR
Analyse der Situation in Libyen vom 3. Juni 2011
Video auf der Website von ARTE
ARTE-Live-Interview zur Entwicklung in Ägypten mit Michael Lüders vom 7. Februar 2011
Video auf der Website von ARTE
»Zeit der alten Männer« geht zu Ende [externer Link]
Nahost-Experte Michael Lüders vergleicht Vorfälle in Ägypten mit Mauerfall
Michael Lüders im Gespräch mit Anne Raith (dlf), 31.Januar 2011
Gespräch als Niederschrift und zum Nachhören [externer Link] (ca. 6:47 Minuten)
... zu Gast bei SWR 1 Leute am 9.1.2009
Gespräch als MP3-Download (ca. 30 Min. / 13 MB)
ORF Österreichisches Fernsehen vom 17. Februar 2008
Gespräch als Video-on-Demand [externer Link] (ca. 6 Min.), leider kein Download
... zu Gast bei WDR 5 Tischgespräch am 12.12.2007
als MP3-Download (ca. 50 Min. / 24 MB)
... Allahs langer Schatten (Nordwestradio/Radio Bremen) vom 17.11.2007 (ca. 53 Min.)
als Stream [externer Link] Vortrag in der Stadtbibliothek Bremen
... zu Gast bei MonTalk (WDR 2) am 29.10.2007
als Podcast [externer Link] oder direkt als MP3-Download (ca. 55 Min. / 25 MB)
... zu Gast bei Nordwestradio (Radio Bremen) am 22.9.2007
als Podcast [externer Link] oder direkt als MP3-Download (ca. 43 Min. / 20 MB)
Arabische Protestbewegungen und der Westen
Schreckgespenst Muslimbruderschaft
(Qantara.de, 01.02.2011)
Interview
„Nordafrikas Diktatoren haben Angst“
(Kölner Stadtanzeiger, 24.1.2011)
Kolumne
Islamfeindlichkeit von New York bis Neukölln
(MDR Figaro, 10.9.2010)
Arabische Protestbewegungen und der Westen
Schreckgespenst Muslimbruderschaft
Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Aufstände in Ägypten neigt die westliche Politik gegenüber der arabisch-islamischen Welt zu Schwarz-Weiß-Denken: Entweder ein starker, pro-westlicher Diktator wie Mubarak – oder aber die Islamische Republik droht.
Was gegenwärtig in Tunesien und Ägypten geschieht, ist eine historische Zäsur. Die Ära der arabischen Despoten, alter Männer und ihrer Clane, nähert sich ihrem Ende. Ein Aufbruch durchaus vergleichbar mit den Ereignissen in Deutschland, als die Berliner Mauer fiel.
Ein Grund zur Freude, wenngleich das Ergebnis dieses Experiments völlig offen ist. Steht am Ende eine Demokratie oder eine neue Unfreiheit, unter anderen Vorzeichen? Niemand vermag heute zu sagen, wo Ägypten in einem Monat, geschweige denn in einem halben Jahr steht. Doch die Botschaft der Demonstranten ist eindeutig: Wir sind das Volk.
Quer durch alle sozialen Schichten reicht der Aufstand, und es dürfte insbesondere den Muslimbrüdern schwer fallen, diesen Protest ideologisch zu missbrauchen. Weder in Tunesien noch in Ägypten noch anderswo in der arabisch-islamischen Welt dürften die Menschen die Neigung verspüren, die eine Diktatur durch eine andere ersetzt zu sehen, sei sie islamistischer oder sonstiger Couleur.
Ungewisse Zukunft
Wie immer, wenn Geschichte geschrieben wird, kennt niemand das Drehbuch. Wird das Militär in Ägypten, Tunesien und anderswo bereit sein, seine Macht mit der Zivilgesellschaft zu teilen?
Wird die vorherrschende Mentalität aus Clan- und Vetternwirtschaft zu überwinden sein – eine Mentalität, die allenthalben anzutreffen ist, oben wie unten in der Hierarchie? Wie ist »good governance«, ein verantwortungsbewusstes Handeln der Regierenden gegenüber ihren Wählern, durchzusetzen – nach Jahrzehnten einer schlichten Selbstbedienungsmentalität aus der Staatskasse?
'Wie ist das Bildungssystem zu reformieren? Die Bevölkerungsexplosion einzudämmen? Wie Jobs schaffen, Perspektiven für die Jugend eröffnen?
Die Herausforderungen, die Probleme sind immens. Und dennoch: der Geist ist aus der Flasche, die Uhr nicht mehr zurückzudrehen. Umso mehr verwundert es, wie zurückhaltend sich europäische und deutsche Politiker über die Entwicklung in Tunesien und Ägypten äußern.
Anstatt sich mit den Menschen solidarisch zu zeigen, die eigene, seit Jahrzehnten erprobte Rhetorik in Sachen Demokratie, Freiheit und Menschenrechten an der Realität zu messen, zeigen sie sich in erster Linie besorgt – über Chaos und Anarchie und vor allem mit Blick auf die Frage, ob denn nun die Islamisten die Macht übernehmen könnten.
Es dürfte ihnen schwer fallen. In Tunesien fallen sie kaum ins Gewicht, in Ägypten hingegen ist die Muslimbruderschaft die einzige halbwegs organisierte Kraft. Das hat historische Gründe, vor allem war sie stets zu stark, um sie, wie alle anderen Parteien und zivilgesellschaftliche Bewegungen, schlichtweg verbieten zu können.
Und hier das Paradox: Sie sind verboten, aber als Einzelpersonen überall präsent, in allen staatlichen Einrichtungen. Ein Ventil aus Sicht des ancien régime, um die Unzufriedenheit wenigstens ein wenig kanalisieren zu können.
Vorherrschendes Schwarz-Weiß-Denken
Gleichzeitig ein Bollwerk gegen die politische Linke. Diese vergleichsweise »privilegierte« Position erklärt auch, warum sich die Muslimbrüder schwer damit taten, den Aufstand im eigenen Land gutzuheißen. Erst nachdem der Zug bereits Fahrt aufgenommen hatte, sind sie aufgesprungen.
Westliche Politik gegenüber der arabisch-islamischen Welt neigt zu Schwarz-Weiß-Denken. Entweder ein starker, pro-westlicher Diktator wie Mubarak – oder aber die Islamische Republik droht.
Für alle islamischen Staaten gilt: Die relative Stärke islamistischer Gruppen ist Ausdruck der Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen, weniger der Sehnsucht gläubiger Muslime auf einen Gottesstaat. Sobald es politische Alternativen gibt, sind die Islamisten nur noch eine Gruppierung von vielen. Sie müssen dann um ihre Anhänger werben und können es nicht länger bei religiösen Parolen belassen, wollen sie nicht politisch an den Rand gedrängt werden.
Zugespitzt gesagt: Orientieren sich islamistische Parteien an Saudi-Arabien oder Teheran, verlieren sie an Rückhalt. Gehen sie den Weg der türkischen AKP, gibt es auch keinen Grund mehr, sie aus Sicht des Westens zu fürchten.
Hinzu kommt, dass islamistische Bewegungen, das gilt auch für die Muslimbrüder, keine homogene Bewegung darstellen, keinen monolithischen Block. Pragmatiker sind in ihren Reihen ebenso zu finden wie Ideologen. Wer sich am Ende durchsetzt, ist letztendlich eine Frage der Rahmenbedingungen und des Umfeldes, in der die betreffende Bewegung agiert. Die Hamas im Gazastreifen beispielsweise hat keinen Grund, sich zu mäßigen. Die Muslimbrüder schon.
Entzauberung des politischen Islam
Die westliche Wahrnehmung des Islam ist überwiegend von Angst und Hysterie geprägt. Das verleitet zu politischen Kurzschlüssen, zu einer verzerrte Wahrnehmung. Die Muslimbrüder sind keine Bewegung, der man zutrauen sollte, die Probleme Ägyptens zu lösen. Sie sind aber auch nicht eine Marionette Teherans.
Die Welt wird nicht untergehen, sollten sie an einer künftigen Regierung beteiligt sein. Im Gegenteil, es wird vermutlich zu ihrer Entzauberung beitragen. Hinzu kommt: In einer demokratischen arabischen Gesellschaft, die ihrer Bevölkerung Perspektiven zu bieten hat, schwindet der Rückhalt für radikale oder gar terroristische Strömungen.
Allerdings habe sie einen mächtigen Verbündeten: das Internet. Es fehlen demokratische Traditionen – Ägypten hat seit 1952 nur drei Präsidenten gehabt, Tunesien seit 1956 nur zwei. Keine Frage, die Entwicklung wird von Rückschlägen begleitet werden.
Verhängnisvolle Fehler sind ebenso wenig auszuschließen wie alt-neue Machstrukturen, in denen Wendehälse den Ton angeben oder bestehende Hierarchien in neuem Gewand weiterbestehen – ähnlich wie in Russland, wo den Kommunisten die Oligarchen folgten.
Aber nicht allein arabische Politik wird sich neu erfinden müssen. Das gilt gleichermaßen für westliche Politik. Ein »weiter so« kann es nicht geben, auch nicht im Umgang mit Israel, wo die Regierung Netanjahu blind an Mubarak festhält.
»Friedensprozess« als reines Schlagwort
Die palästinensische Frage ist nicht zu lösen, indem man einen »Friedensprozess« propagiert, der nur noch ein Schlagwort ist. Israel zeigt keinerlei Bereitschaft, die Gründung eines lebensfähigen palästinensischen Staates zuzulassen. Hier bedarf es mehr als warmer Worte aus Berlin, Brüssel oder Washington, um einen Durchbruch zu erzielen.
Erstaunlich, dass im Irak und Afghanistan Kriege geführt wurden und werden, um angeblich dort der Demokratie zum Durchbruch zu verhelfen.
Das hat im Irak Hunderttausende das Leben gekostet und die Glaubwürdigkeit des Westens, sofern noch vorhanden, schwer beschädigt. Zweistellige Milliardenbeträge sind für diese Kriege ausgegeben worden, vielfach zum Fenster hinausgeworfen.
Der tunesische und ägyptische Weg ist der bessere. Politiker hierzulande tun sich schwer mit dieser Einsicht.
„Nordafrikas Diktatoren haben Angst“
Der Politikwissenschaftler Michael Lüders sieht die nordafrikanischen Regime nach dem Umsturz in Tunesien zwar nicht akut bedroht. Doch unter den Machthabern gehe die Angst um, betont der Experte im Gespräch mit Dogan Michael Ulusoy.
Herr Lüders, zuletzt war nach dem Umsturz in Tunesien wiederholt von einem möglichen Domino-Effekt die Rede. Besonders Ägypten und Libyen werden jedoch mit harter Hand regiert. Ist ein Umsturz in diesen sehr repressiven Ländern nicht viel unwahrscheinlicher als in Tunesien?
LÜDERS: In der Tat. Man kann die Geschehnisse in Tunesien nicht so einfach auf andere Länder in der Region übertragen. In Ägypten, Libyen, Algerien und Marokko haben die Machthaber ihre Länder fest unter Kontrolle. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sich die Armee oder die Sicherheitskräfte in diesen Regimen von den politischen Eliten distanzieren. Im Gegenteil. In Ägypten will Staatspräsident Husni Mubarak im Einverständnis mit der Armee die Macht auf seinen Sohn Gamal übertragen.
Und wie sieht das in Libyen aus?
LÜDERS: Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi hat es in den fast 42 Jahren seiner Herrschaft stets verstanden, die einflussreichen Beduinenstämme nach Belieben zu lenken. Sie akzeptieren ihn als oberen Spielmacher, als Schiedsrichter und als integrierendes Moment. Notfalls kann Gaddafi seine Interessen jederzeit mit Hilfe der Armee durchsetzen. Er steht an der Spitze einer kleinen Elite aus gerade mal einigen hundert Entscheidungs- und Leistungsträgern in der Politik, in der staatlich gelenkten Wirtschaft und im Militär. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Gaddafis Macht gefährdet sein könnte. Er war auch immer klug genug, sich neu zu positionieren. Vom Enfant terrible hat er sich aus der Sicht des Westens zu einem durchaus kooperativen Staatsmann gewandelt.
Und Algerien?
LÜDERS: In Algerien ist die Lage komplizierter. Es gab in den neunziger Jahren einen Bürgerkrieg zwischen der Regierung und den Islamisten. Seitdem herrscht eine Art Friedhofsruhe zwischen der Regierung und der Bevölkerung. Das Regime ist im Volk zutiefst verhasst. Es wird jedoch kaum zu einem Volksaufstand kommen. Denn der Bürgerkrieg hat 150.000 Menschen das Leben gekostet. Es gibt keine Neigung im Volk, eine Neuauflage des Krieges zu riskieren.
In Ägypten und Mauretanien gab es bereits mehrere Selbstverbrennungen. Kann dadurch in den nordafrikanischen Ländern eine neue Eskalationsstufe entstehen?
LÜDERS: Durchaus. Unter Nordafrikas Machthabern geht die Angst um. Sie spüren, dass die Kluft zwischen ihnen und den Bevölkerungen immer größer wird. Vor allem, weil die sozialen Unterschiede so groß sind. Es gibt in diesen Ländern keine funktionierende Mittelschicht, sondern nur Superreiche oder extrem Arme. Überall kann spontan ein Aufstand losbrechen, wenn etwa die Preise für Grundnahrungsmittel explodieren. Der Volkszorn ist latent da. Für die einfachen Menschen ist Tunesien immerhin ein Hoffnungsschimmer.
Auch der Zusammenbruch der osteuropäischen Staaten begann mit einfachem Widerstand auf der Straße. Auch wenn es hoch gegriffen ist: Halten Sie es für möglich, dass die Tunesier gerade Weltgeschichte schreiben und die arabischen Regime wie in einem Domino-Spiel über kurz oder lang kippen könnten?
LÜDERS: Das ist noch Wunschdenken. In Osteuropa waren die Ausgangsbedingungen anders. In Polen etwa gab es mit der Solidarnosc eine sehr starke Gewerkschaftsbewegung, mit welcher der politische Wandel in Verhandlungen mit der kommunistischen Regierung herbeigeführt wurde. Eine derart gut organisierte Opposition wie Solidarnosc gibt es nirgendwo in der arabischen Welt. Die einzigen gut organisierten Kräfte sind, zumindest in einzelnen Ländern, die Islamisten. Deren Agenda ist zwar nicht immer destruktiv, doch meistens trägt sie nicht zur Überwindung sozialer Probleme oder gesellschaftlicher Gegensätze bei.
Wie steht der Westen zu Nordafrika?
LÜDERS: Die Politik des Westens gegenüber Nordafrika hat sich bisher in leeren Freiheits- und Demokratieversprechen erschöpft. Man hat sich mit den Regimen engagiert. Es gibt keinerlei politischen Druck auf die Länder, sich zu verändern. Man sieht sie als willfährige Partner bei der Bekämpfung der Flüchtlingsströme aus Schwarzafrika nach Europa und bei der Terrorbekämpfung.
Das Gespräch führte Dogan Michael Ulusoy – Kölner Stadtanzeiger, 24.1.2011
Islamfeindlichkeit von New York bis Neukölln
Sarrazins heiß umstrittenes Buch, Wirbel um geplante Moscheebauten, die von Terry Jones angedrohte Koranverbrennung – die Stimmung gegenüber der zweitgrößten Weltreligion und den Gläubigen ist aufgeheizt. Der Islam gelte inzwischen als Hassobjekt, doch der Preis für die wachsende Islamophobie sei hoch, warnt der Nahost-Experte Michael Lüders in der FIGARO-Kolumne.
Bisher war der 11. September in den USA ein Tag des stillen Gedenkens an die Opfer der Terroranschläge vor neun Jahren. Doch die Stimmung ist im Verlauf der letzten Monate umgeschlagen, der Islam zu einem Hassobjekt geworden. Der geplante Bau einer Moschee unweit von Ground Zero in New York empört viele Amerikaner. Parallel zum wirtschaftlichen Niedergang der USA und der zunehmenden Verarmung weiter Teile der Mittelschicht dient der Islam offenbar als eine Art Ventil und Sündenbock. Die ursprünglich geplante Koranverbrennung eines christlichen Eiferers ist dabei nur die Spitze des Eisbergs.
Militanz schreckt Politik auf
Der Islamhass hat in den USA einen Grad an Militanz erreicht, der auch die Politik aufschreckt. Denn die Gegenreaktionen in der islamischen Welt nach einer Koranverbrennung werden nicht lange auf sich warten lassen. Und die ersten Opfer könnten amerikanische Soldaten in Afghanistan und im Irak werden.
Die anti-islamische Stimmung in den USA ist auch deswegen erstaunlich, weil die dort lebenden Muslime als gut integriert gelten. Unmittelbar nach 9/11 mahnte Präsident Bush, nicht der Islam sei der Feind, sondern islamische Fundamentalisten. Doch im Zuge der so genannten Tea-Party-Bewegung, einer konservativen Erweckungsbewegung im Umfeld der Republikaner, gerät jeder ins Visier, der nicht ins eigene Weltbild passt. Stimmen, die zur Vernunft mahnen, gelten als verdächtig.
Wenn Globalisierung Angst vor Überfremdung auslöst
Diese Entwicklung ist paradox, weil wir in einer zunehmend vernetzten und globalisierten Welt leben. Offenbar geht die Globalisierung aber nicht einher mit Neugierde und Toleranz gegenüber dem Unbekannten und Fremden, vielmehr löst sie ganz im Gegenteil massive Ängste aus. Globalisierung bedeutet eben auch, dass jeder jederzeit seinen Arbeitsplatz verlieren kann und der Sozialstaat finanziell an seine Grenzen stößt. Da gesellschaftliche Entwicklungen in den USA zeitversetzt auch in Europa ihren Niederschlag finden, wird es nicht lange dauern, bis der Islamhass auch in Europa an Boden gewinnt. Angekommen ist er längst. Sein bekanntester Vertreter ist der Holländer Geert Wilders, der rund ein Drittel der Wähler hinter sich weiß. Vor allem in kleineren europäischen Staaten scheint die Angst vor Überfremdung und dem Verlust der eigenen Identität sehr ausgeprägt zu sein.
Islam als Reizthema
Rechtspopulistische Parteien mit einer anti-islamischen Agenda sind neben den Niederlanden in Belgien, Dänemark und der Schweiz besonders erfolgreich. Aber auch in Deutschland zeigt die Debatte um die Thesen Thilo Sarrazins, dass der Islam ein Reizthema mit klaren Fronten ist.
Nicht die Debatte selbst ist das Problem, sondern ihr Tonfall. Die Lust, alles in einen Topf zu werfen. Muslim sein heißt unter Generalverdacht zu stehen. Entweder die falschen Gene zu haben, potentiell gewalttätig, nicht integrierbar oder schlicht ein Sozialschmarotzer zu sein. Nüchtern besehen kritisieren wir nicht Missstände unter Muslimen oder innerhalb des Islams, vielmehr greifen wir sie an, im Namen der Meinungsfreiheit. Wenn wir aber fast vier Millionen Muslimen hierzulande ständig das Gefühl geben, sie seien nicht wie wir und sollten am besten wieder verschwinden – warum sollten sie sich dann mit dieser Mehrheitsgesellschaft identifizieren?
Fakten zählen nicht
Weder die Amerikaner noch die Europäer können sich einen Kampf der Kulturen leisten. Die Exportnation Deutschland schon gar nicht. Ökonomen mahnen, Deutschland bräuchte jedes Jahr bis zu einer halben Million Einwanderer, wollen wir unseren Lebensstandard halten, wollen wir nicht bis zum Alter von 70 Jahren arbeiten. Doch solche Fakten zählen nicht, wo gefühltes Wissen und Vorurteile herrschen. Nicht nur die Amerikaner, auch wir Deutsche laufen Gefahr, einen hohen Preis für die wachsende Islamophobie zu zahlen.
MDR Figaro, 20.9.2010
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